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Zuallererst möchte ich einen Zahn ziehen und mit folgender, nüchterner Erkenntnis beginnen: Recht sprechen Richter am Gericht nach der Auswertung der Fakten- und Beweislage und Abwägung aller Eventualitäten immer zugunsten des Angeklagten. Demnach liegt Recht nicht in der Hand von Hobby-Juristen. Recht wird also weder von uns auf dieser Homepage, noch von Ihnen, irgendwelchen Kampfkunstmeistern, Kampfkunstexperten oder sonst irgendwelchen Menschen gesprochen. Auch Polizisten sprechen kein Recht, sondern haben lediglich exekutive Aufgaben, tja, selbst Anwälte sprechen kein Recht, obgleich sie mit ihrem z. T. überstrapaziert-selbstbewußtem Auftreten immer noch so manch ungeübten Menschen beeindrucken.

Laut Gesetz ist jeder unschuldig, solange ihm keine Schuld nachzuweisen ist. Der Grundsatz „In dubio pro reo“ (lateinisch für „Im Zweifel für den Angeklagten“), kurz Zweifelssatz, ist ein schlagwortartiger Ausdruck dafür, dass niemand ohne zwingende Motive - nur aufgrund einer Anschuldigung - verurteilt werden darf. Einem Angeklagten muss also zweifelsfrei seine Schuld nachgewiesen werden!

Was aber bedeutet dies im Kontext unseres Gesamtthemas? Ganz einfach: Zwischen „Recht haben“ und „Recht bekommen“ liegen oft Welten. Welche Techniken Sie im Ernstfall also einsetzen, ist sekundär und wird nicht gleich „vor Ort“ bewertet und verurteilt. Ebenso gibt es keine Gewährleistung für die Güte Ihrer Aktionen, auch wenn Sie überzeugt davon sind, Sie hätten in Notwehr gehandelt. Ehrenhafte Krieger und Kampfsportler können also ihren Kontrahenten soviel mit dosierten Technikeinheiten auf den „rechten Weg“ bringen, wie sie wollen und sich dennoch plötzlich vor Gericht den Vorwürfen eines Straßenschlägers, Raufboldes, einer „ungezähmten Kampfmaschine“ und einer „Gefahr für die Allgemeinheit“ gegenübersehen.

Entscheidend sind hierbei vor allem die Aussagen von Zeugen. Wenn Sie sich z. B. gegen einen Schlägerangriff mit Boxtechniken zur Wehr setzen und damit objektiv innerhalb der gesetzmäßigen Verhältnismäßigkeit agieren, könnten Ihnen dennoch Zeugen einen Strich durch ihre Notwehraktion machen. Oft sind Zeugenaussagen (z. B. von Verkehrsunfällen bekannt) lückenhaft und ungenau, oft ersetzen Zeugen Gedächtnislücken unbewusst durch Fantasien, manche Zeugen wurden gar beeinflusst oder „gekauft“. So könnte es sein, dass ein Zeuge nur Ihre Handlung gesehen hat und aussagt, dass Sie plötzlich brutal auf den eigentlichen Täter eingeschlagen haben. Haben Sie sich dann noch „ungeschickt“ verteidigt, sodass Sie verletzungsfrei ausgehen, der Täter aber Gesichtsverletzungen vorzuweisen hat, engt sich Ihr rechtlicher Spielraum auf ein Minimum.

Sie sehen, dass man tatsächlich die rechtliche Situation eines Kampfsportlers bzw. einer sich verteidigenden Person diskutieren kann, ohne einen Paragrafen zitieren zu müssen. Habe ich Sie an dieser Stelle dennoch für die zuständigen Paragrafen des Strafrechts, wie z. B. der Notwehr, der Nothilfe oder des Notwehrexzesses interessiert gemacht, können Sie diese ausführlich auf den Seiten von WIKIPEDIA nachlesen.

Lassen Sie mich aber noch einmal verdeutlichen, welchen rechtlichen Stress der Gesetzgeber gerade einem Kampfsportler bzw. Verteidiger aufbürdet. Hiebei geht es um die viel zitierte „Verhältnismäßigkeit der Mittel“, oder – wie es in den „Ju-Jutsu“ Bänden 1, 2 und 3 von Heim und Gresch nachzulesen ist – um die Aussage, „nicht mit Kanonen auf Spatzen zu schießen“. Demnach muss also unter den vielen möglichen Verteidigungsmitteln eines Kampfsportlers jenes gefunden werden, welches a) der Härte des Angriffes entspricht und b) zudem noch den Angreifer am wenigsten schadet.

Ich persönlich stelle mir derartige Situationen immer auch gerne bildlich vor, um zunächst „nur“ den rechtlichen Gesamtumfang der Anforderungen an Kampfsportler in seiner Konsequenz zu erfassen. Immerhin hat der Kampfsportler neben dieser rechtlichen "Belastung" noch ein reales Problem vor sich und - aller Wahrscheinlichkeit nach - auch in sich. Wozu also Rechts- und Staatsanwälte sowie Richter im Nachhinein alle Zeit der Welt haben, nämlich jedes Detail nach ihrem rechtlichen Status zu überprüfen, bleiben dem Kampfsportler Zeiteinheiten von Milli-Sekunden. Sie können sich sicherlich vorstellen, dass auch ein Kampfsportler mit dem Fachwissen eines Jura-Professors unter solchen Umständen zu keiner auch nur halbwegs rechtlich-haltbaren Handlung in der Lage ist. Eben dies wird aber von Kampfsportlern vor Gericht erwartet: Sie sollten in Stresssituationen nicht nur Ihre Techniken dosieren können, sondern selbst diese Dosierung noch einem „Fein-Tuning“ unterziehen – und dies möglichst gestern.

Ich persönlich bin mir nicht immer im Klaren darüber, ob viele Richter und Anwälte tatsächlich ihr Wissen über die Fähig- und Fertigkeiten der Kampfsportler nicht doch vom „Hörensagen“ haben und Frage mich natürlich, welche anderen Informationsquellen sie sonst noch bemühen, sofern sie es dann auch für notwendig erachten.

Sie sehen, dass die rechtliche Situation von Kampfsportlern im Ernstfall nicht nur von beeinflussbaren Faktoren abhängig ist. Ebenso ist der Einsatz von „harmlosen“ und „dosierten“ Techniken keine Gewährleistung für eine rechtlich einwandfreie Aktion. Was also ist die Quintessenz all dieser Informationen? Diese liegt sicherlich zunächst einmal in der Erkenntnis, dass nicht primär die angewendeten Techniken sondern das übergeordnete Gesamtverhalten des Kampfsportlers (Verteidigers) entscheidend ist: Zurückhaltung ist hier das Zauberwort. Versuchen Sie durch Sprache, Mimik und Gestik nach Außen hin deutlich zu machen, dass Sie diesen Stress jetzt überhaupt nicht wollen.

Im Buch „Vom Zweikampf“ von Sifu K. R. Kernspecht ist zu erfahren, wie man durch Körpersprache agieren sollte: die Hände als Gestikulierendes „nein“ vor den Körper halten, gleichzeitig deutlich und laut „…ich möchte keinen Streit mit Ihnen haben…“ sagen und ebenso deutlich Distanz zwischen sich und dem Aggressor schaffen. Allerdings kann man derartige Verhaltensweisen nur gegen einen für sich auszumachenden und sichtbaren Gegner durchführen.

Jetzt komm ich wieder mit meinen „bildlichen Vorstellungen“: ich stelle mir vor, dass da plötzlich tatsächlich jemand vor mir steht und mich umhauen will. Er ist darauf vorbereitet, ich nicht. Er schlägt zu, ich muss reagieren. Ja – und wie jetzt nu? Ich lasse mal den Handlungsfilm in Zeitlupe vor meinem geistigen Auge ablaufen: da kommt eine Faust auf mich zu, die, wenn ich sie imaginär verlängere, genau auf meine Schaltzentrale zusteuert – ich muss also reagieren. Ich überlege, was noch einmal die Kriterien für Notwehr sind…der Angriff muss „gegenwärtig“ sein – ja, das issa. Der Angriff muss rechtswidrig sein – auch diese Frage kann ich eindeutig mit „ja“ beantworten, denn ich habe dem Angreifer keinen Anlass gegeben - obwohl der Blick, den ich ihm vorhin zugeworfen habe, zweifelsohne provozierend war. Was ist denn nu passiert? Die Faust taucht – während ich mit mir selbst rechtlich noch hadere – ungebremst in mein Gesicht ein. Einen Vorteil hat es ja: mir ist die Entscheidung abgenommen worden. Wie schwer ich verletzt bin, kann ich jetzt noch nicht sagen, dazu muss ich erstmal wieder aufwachen.

Das war ein Albtraum. Mir ist klar geworden, dass ich so nicht agieren kann, ohne selbst in Gefahr zu laufen, ernsthafte physische und psychische Konsequenzen davontragen zu müssen. Verlangt das der Gesetzgeber tatsächlich von mir? Was ist hier also die Quintessenz? Meiner Meinung nach habe ich die Wahl zwischen zwei Übeln: entweder mit dem Gesetzestext, wehenden Fahnen und der Gewissheit, Tugendhaft gewesen zu sein, unterzugehen oder sich einfach zur Wehr zu setzen. Bei der ersten Handlungsstrategie ist die Frage, ob und wie ich den Angriff überlebe, dementsprechend kann ich mich der rechtlichen Gewalt stellen (sofern ich dann auch psychisch in der Lage dazu bin), oder eben nicht. Der Vorteil der 2. Strategie ist, dass ich mich auf jeden Fall meiner Verantwortung stellen kann. Die rechtlichen Konsequenzen für mein Handeln muss ich natürlich tragen – sofern es dazu kommt. Dies kann ich allerdings in aller Ruhe, zurückblickend mit meinem Anwalt, und – vor allem – in bester Gesundheit gut ertragen.

Was Juristen vielleicht nicht wissen: Kein Kampfsportverein bzw. keine Kampfsportschule in Deutschland trainiert die Verarbeitung rechtlicher Gesetzestexte und deren Ausführungen unter dem zeitlich und psychisch belastenden Druck einer realen Verteidigungssituation. Auch bei der Ausbildung zum Trainer oder Fachübungsleiter ist ein derartiges Lehrfach nicht vorgesehen. Wie also soll jemand rechtlich möglichst professionell auf etwas reagieren, was nirgendwo adäquat geübt wird/ werden kann? Und: ich habe noch nicht einmal angefangen mir Gedanken über den psychischen und physischen Status eines Verteidigers zu machen, so, wie er wissenschaftlich längst erforscht ist...

Ich hoffe, dass ich Ihnen die rechtliche Seite einer Verteidigungshandlung – so wie ich sie sehe – verdeutlichen konnte. War das alles für sie jetzt nachvollziehbar oder fühlen Sie sich immer mehr in Ihrer Ansicht bestätigt, dass ich mich langsam aber sicher von der Realität entferne? Teilen Sie es mir mit - argumentieren Sie!

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