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Während der Pubertät ist alles im Fluss, nichts hat Beständigkeit. Irritationen und Unsicherheiten gestalten das Leben der Kinder und Jugendlichen in eine Achterbahn, auf der Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen einem ständigen auf- und ab unterliegen. Einige vollziehen ihre Entwicklung eher offensiv und provokant, andere ziehen sich in ihre Traum- bzw. Fantasiewelt zurück und kapseln sich ab. Rogge konstatiert „Kurz gesagt: Die ständigen und plötzlichen Veränderungen sind das einzig Eindeutige.“

Definition

Pubertät und Adoleszenz stellen einen Zeitraum bio-psycho-sozialer Umstellungen dar, wobei beide Begriffe die Entwicklung eines Heranwachsenden jeweils aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten:

Tatsächlich beschreibt die Pubertät - von lateinisch pubes: Schamhaar, pubertas: Geschlechtsreife - zunächst nur körperliche Veränderungen…“ eines Heranwachsenden, also die Stadien der körperlichen Reifung vom Kind zum Erwachsenen. Hierbei geht es um Hodenwachstum, Schambehaarung, Körperwachstum, Stimmbruch, Peniswachstum und ähnliche körperliche Veränderungen. Die Adoleszenz - oder auch Jugendalter genannt - stellt den psychischen, sozialen und emotionalen Übergang zwischen Kindheit und Erwachsenenalter dar. „Das Denken wird abstrakter, die Welt, die Zukunft werden zum Thema. Größenphantasien und Verzweiflung gehen nicht selten Hand in Hand.

In dieser Ausarbeitung beziehe ich sowohl die körperlichen, als auch die geistigen, emotionalen und sozialen Faktoren, mit dem Fokus auf die Entwicklung von Jungen, ein. Der Einfachheit halber verwende ich den Begriff Pubertät für beide Entwicklungszeiträume.

Charakteristische Merkmale der Vorpubertät

Die Entwicklung eines Heranwachsenden vom Kind zum Erwachsenen lässt sich in drei Phasen einteilen: „Die Vorpubertät (erste Phase) reicht vom 11. bis 14. Lebensjahr. Die ‚eigentliche’ Pubertät (zweite Phase) lässt sich zwischen dem 14. und 16. Lebensjahr verorten. Es versteht sich, dass diese Zeiteinteilung idealtypisch ist. Die Phasen können sich nach vorne oder nach hinten verschieben. Die Nachpubertät umfasst den Zeitraum zwischen dem 16. und 18. Lebensjahr (dritte Phase). Auffällig sind gegenwärtig einerseits frühzeitigere körperliche Reifungsprozesse (Gestaltwandel, Menstruationsbeginn, Samenerguss), die den Beginn der Pubertät nach vorn verlagern. Andererseits kann sich die Nachpubertät bis in das 24. Lebensjahr hinein verschieben.“

In der Vorpubertät, auf deren charakteristischen Merkmale ich mich beschränke, beginnt sich das Kind zum Erwachsenen zu entwickeln. „Als Vorpubertät bezeichnet man die Zeitspanne zwischen dem ersten Auftreten der sekundären Geschlechtsmerkmale und dem ersten Funktionieren der Geschlechtsorgane (Menarche beim Mädchen, erster Samenerguß beim Knaben), das übrigens in den meisten Fällen noch nicht gleichbedeutend mit Zeugungsfähigkeit ist“. Jungen erleben in dieser Phase ein erhöhtes Bewegungsbedürfnis, welches von physischer Leistungsfähigkeit begleitet wird. Sie können sich ausdauernd bewegen, sind bereit, unter Anleitung zu trainieren und interessieren sich für alle Arten von Wettbewerb. Ihre Kraftsteigerung wird durch eine gesteigerte Aggressivität begleitet, die sich sowohl gegen Gleichaltrige als auch gegen Tiere richten kann. Schenk-Danzinger erklärt diese Aggressivität als „Eine gesteigerte Aggressivität, die bis zur Rohheit gehen kann, wohl als Folge der vielfach frustrierten Kräfte.“

In diesem Alter zeigen Heranwachsende nur selten Gefühle, da sie diese als Gefahr für ihre Männerrolle ansehen. Sie nehmen in diesem Lebensabschnitt ihre Umwelt mit allen Sinnen wahr. Geräusche, Gerüche, Lichteffekte, Geschmacksempfindungen sowie taktile Reize bereiten ihnen leidenschaftliche Erfahrungen. Deshalb ist auch ihre Bereitschaft, Unfug zu machen bzw. Abenteuer zu erleben gesteigert. Diese Phase wird auch als „Flegeljahre“ bezeichnet. „...nach außen durch eine gewisse gespielte Überheblichkeit, Kraftprotzerei und Angeberei gekennzeichnet, alles Symptome der sogenannten 'Flegeljahre'.“

Die geschilderten Verhaltensweisen der Jungen müssen als „Symptome der inneren und äußeren Unruhe und Orientierungslosigkeit des Heranwachsenden“ interpretiert werden. Sie sind häufig unausstehlich, bockig, verschlossen, wortkarg, nicht kooperationsbereit, aufsässig und unordentlich. Hinter diesem Verhalten versteckt sich aber die tatsächliche seelische Verfassung des Heranwachsenden. Durch die Symptome der „Flegeljahre“ sollen Ängste und statusbedingte Unsicherheiten überspielt werden. Mit der Ausbildung der sekundären Geschlechtsmerkmale beginnt der Junge parallel, seinen Körper genau in Augenschein zu nehmen und ihn nach „Schwachstellen“ zu untersuchen. „Fragt man Jugendliche, worüber sie sich am häufigsten Gedanken machen, dann nennt fast jeder zweite sein körperliches Aussehen...Dem kritischen Jugendlichen fällt z.B. auf, daß seine Nase zu lang, sein Kinn zu klein und seine Füße zu groß sind...kein Pickel und Mitesser entgeht seiner Aufmerksamkeit.“

Indem er sich bewusst wird, dass er sich zum Erwachsenen entwickelt, reflektiert er seine soziale Stellung. Inwieweit sich der Jugendliche auf sich selbst einlassen kann und seine eigenen Wünsche, Gefühle, Neigungen und Gedanken erkennt, ist abhängig von seiner Schulbildung und Schichtzugehörigkeit. Die Suche nach dem „Ich“ wird durch den Prozess der Selbstreflexion ausgelöst. Diese Identitätsfindung, d. h. die Erkenntnis, ein einmaliges und unverwechselbares Individuum zu sein, verläuft von außen nach innen. Erst durch die differenzierte Beobachtung des eigenen Körpers (körperliche Veränderungen) wird eine psychische Auseinandersetzung mit den eingetretenen, unausweichlichen Veränderungen ausgelöst.

Das Bedürfnis nach der Ausgestaltung der eigenen Individualität ist in diesem Alter sehr hoch, so dass Jugendliche versuchen, sich durch Tagträume ihre eigene Welt zu gestalten. Ein Tagtraum ist eine Form von Fantasietätigkeit, „in deren Verlauf ein Individuum sich ohne besondere Absicht und unter weitgehender Ausschaltung der Beobachtung seiner unmittelbaren Umgebung angenehmen Vorstellungen hingibt, die sich auf Wünsche beziehen, die im tatsächlichen Leben nicht erfüllt werden können.“ Tagträume werden vor allem durch Situationen begünstigt, in denen das Gefühl der Einsamkeit auftritt bzw. nach einer Auseinandersetzung von Jugendlichen mit Filmen oder Büchern. Der Tagtraum stellt eine Gefahr dar, wenn er als Flucht aus der Realität benutzt wird: „... was besonders bei Einsamkeit, Monotonie, Fehlen von Erfolgen, bei andauernden Konfliktsituationen und chronischen Überforderungen, nach Schockerlebnissen und in Notsituationen der Fall sein kann“.

Idole erfüllen eine ähnliche Funktion wie Tagträume. Sie sind für ihre „Fans“ mit allen Eigenschaften und Fähigkeiten ausgestattet, die sie selbst nicht besitzen oder erfolglos anstreben. Das Verehren von Idolen soll von eigenen Schwierigkeiten ablenken. Als bedrohlich wird die Verehrung von Idolen dann betrachtet, wenn es zur totalen Selbstaufgabe kommt, indem man durch unkritische Übernahme von Ansichten und Eigenschaften der Idole einen gestörten Realitätsbezug entwickelt.

Akzeleration bzw. Retardation können erhebliche Auswirkungen auf die psychische Entwicklung der Heranwachsenden haben. Die Umwelt (z.B. Familie, Gleichaltrige, Schule) reagiert auf Jugendliche entsprechend ihrer physischen Erscheinung. Akzelerierte Jugendliche werden eher als vernünftiger betrachtet, erwachsener behandelt und ihnen wird mehr Unabhängigkeit zugestanden. Akzeleration stellt besonders dann ein Problem dar, wenn die psychische Reife noch nicht erlangt wurde. Akzelerierte Jugendliche werden häufig von ihrer Umwelt überschätzt und wissen oft nicht, wie sie mit dem Ansturm von Wünschen, Bedürfnissen und körperlichen Sensationen fertig werden. Retardation steht häufig in Zusammenhang mit starken Minderwertigkeitsgefühlen. Ausgelöst durch die eher geringe Körpergröße und der damit verbundenen geringeren Körperkraft sowie weniger sportlichen Leistungen wird ein geringeres Selbstwertgefühl festgestellt. Ewert spricht bei retardierten Jungen häufig von einem übereifrigen, angeberischen Verhalten. Sie versuchen durch ihr auffälliges, nach Aufmerksamkeit bettelndes Verhalten - z.B. durch nicht dem Alter entsprechende Handlungen - ihre körperliche Unterlegenheit zu überspielen.

Der Ablöseprozess von der Familie, der das Bestreben nach persönlicher Autonomie der Jungen darstellt, drückt sich unter anderem durch das Zurückziehen vor gemeinsamen Unternehmungen aus. Ausgehend von ihrem Streben nach Unabhängigkeit, versuchen Jungen, sich gegen bisherige Gewohnheiten, Traditionen bzw. Verhaltensweisen zu stellen, denen sie sich zuvor gefügt haben. Hierbei stehen die Verweigerung von Pünktlichkeit bzw. persönlicher Hygiene im Vordergrund. Auch möchten die Jungen ihre Rolle innerhalb der Familie ändern. Sie versuchen daher durch ständige Streitereien ihren Wunsch und das Bedürfnis nach sozialer Anerkennung Ausdruck zu verleihen. „...Die Vorpubertät ist eine kritische Phase in der Entwicklung des Selbstwertgefühls, das vor allem von jenen Erwachsenen bedroht wird, die den Jugendlichen nicht für voll nehmen, ihn viel zuwenig Verantwortung tragen lassen und seinem Betätigungsdrang mit Mißtrauen und Ablehnung begegnen.“

Außerhalb der Familie entwickeln die Jungen ein stärkeres Bedürfnis, mehr mit Gleichaltrigen unternehmen zu wollen. Daher beginnen sie, sich Kontakte außerhalb der Familie zu suchen. Durch die zunehmende Ablösung von der Familie wird ihnen die Anerkennung durch die Gruppe immer wichtiger. Jungen in diesem Alter reagieren empfindlich auf ihren Status innerhalb der Gruppe. „Alles, was das Prestige in der Gruppe herabsetzt, löst Zorn und heftiges Schamgefühl aus; alles, was Geltung verleiht, wird intensiv bejaht und betrieben.“ Jugendliche erleben eine Phase, in der sie Sicherheit gewinnen, wenn sie sich ihren Freunden gegenüber als möglichst ähnlich erleben. Dieses positive Gruppenerlebnis ist entscheidend für den Prozess der Selbstfindung. Gleichzeitig lernen sie, sich Gruppenregeln anzupassen und werden zu sozialem Verhalten geleitet. Allerdings sollte ebenfalls nicht aus den Augen verloren werden, dass Gruppenbildung auch die Gefahr beinhaltet, an Individualität zu verlieren.

Angesichts der vielen, in diesem Abschnitt erwähnten charakteristischen Merkmale, die Jungen in ihrer Vor-Pubertät durchleben, bzw. denen sie sich stellen müssen, sind die Gefahren von Entgleisungen groß. Dies wissen auch alle Beteiligten, die den Heranwachsenden begleiten, daher konstatiert Rogge: 

Das Zwischen- und Entwicklungsstadium Pubertät bringt Veränderungen mit sich, die allen Beteiligten offensichtlich Angst machen. Frühere Zeiten versuchten die Unsicherheit durch Riten und Rituale in den Griff zu bekommen, mit denen man Jugendliche in das Erwachsenenalter leitete. Unsere Zeit kennt solche Riten und Rituale immer weniger, ja, man hat sie sogar abgeschafft. Doch leben solche Rituale gewissermaßen in den Gruppen der Gleichaltrigen fort – in den Saufgelagen, den Treffen an einer zugig-kalten Bushaltestelle, in den verschworenen Cliquen, die sich in einer Geheimsprache verständigen.

Jan Uwe Rogge

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