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Samstag: Kids-Club 2.0  

Unserer Gesellschaft weiß das Kind nichts von seinem stammesgesellschaftlichen Bruder auf der anderen Seite des Globus. Wo dort der Junge in der behüteten Umgebung seiner Mutter aufwächst, unterliegt unser Kind einer strikten Gewaltenteilung erzieherischer Institutionen. Wo jenem Jungen die Geschichten der Götter in Vorbereitung auf seine Übergangszeit von seiner Mutter erzählt werden, ist für ‚unser’ Kind längst schon das Fernsehen mit Sendungen, wie z.B. „Tabaluga-TV“ zum Elternersatz geworden. Wenn jener Junge von den Männern seines Stammes entführt wird, spielt ‚unser’ Kind mit seiner „Play-Station“, hört Musik oder sitzt vor dem PC. Während jener Junge ängstlich kauernd in seinem von ihm selbst ausgehobenen Grab liegt, hat sich ‚unser’ Kind in sein Bett gekuschelt. Während jener Junge auf der anderen Seite des Globus als Mann den neuen Tag begrüßt, hat sich für ‚unser’ Kind nichts geändert.

Heutigen Jugendlichen fehlen im Vergleich zu ihren Altersgenossen in Stammesgesellschaften Übersichtlichkeit, Eindeutigkeit, klare Regeln und Hierarchien, ja Heiliges und Mythische.

Dennoch tendieren auch die Jungen unserer Gesellschaft dazu, sich mehr ausprobieren zu wollen, ihre Grenzen kennen zu lernen und die elementaren Fragen des Lebens beantwortet zu bekommen: wer bin ich, was will ich, wo gehe ich hin. Die Heranwachsenden spüren, dass sich etwas verändert und benutzen ihren Körper, um diese Veränderungen für sie erfahrbar und messbar zu machen. „Er [der Körper] ist der Garant für die besonderen Erlebnisse, den thrill. Die mit dem Körper verbundenen Erfahrungen, Emotionen und Schmerzen sind echt, sie geben Gewissheit, dass wirklich etwas passiert ist und sie hinterlassen gelegentlich wichtige und lebensbegleitende Erinnerungen.“ Darüber hinaus wartet noch das spannende Erlebnis der Sexualität auf sie, dass sie - parallel zu ihrer Entwicklung - zu entschlüsseln haben.

Wo bei der Entwicklung des Jungen in der Stammesgesellschaft das eine (Junge) dem anderen (Mann) weicht, stellt sich die Entwicklung des Jungen in unserer Gesellschaft als schleichender Prozess dar. Beide Elemente, sowohl das des Kindlichen als auch das des Erwachsenen, leben zeitweise in einem dualen System in dem Körper des Heranwachsenden. Dies erklärt die Unvollkommenheit und Fehlerhaftigkeit, mit der sich die Jungen bei ihrer Identitätsbildung arrangieren müssen.

In dieser Phase der Orientierungs- und Haltlosigkeit kann Ju-Jutsu Verlässlichkeit, Zuversicht, Zusammengehörigkeit und sogar Trost spenden. So z.B. wird die triste und kalte Sporthalle Form der „erfundenen Wirklichkeit“ durch das Ritual des Angrüßens für den Jungen zu einem Dojo. In einem Dojo ist – wie anfangs schon erwähnt – „der Weg das Ziel“, wobei eine Parallele zu der Entwicklung von Heranwachsenden auffällt, die von Rogge folgendermaßen beschrieben wird: „Beim Aufbau einer eigenen Identität ist der Weg das Ziel. Alles ist im Fluss. Ein neues Selbstkonzept gibt es nicht umsonst. Wie ein Märchenheld am Ende seiner Reise wird auch der Pubertierende gestärkt heimkommen: Krisen auszuhalten gibt Kraft für Gegenwart und Zukunft. So gewinnt man Zutrauen zu sich, Freude am Leben.“

Schon vor dem Betreten des Dojos entwickelt sich der Jugendliche zu einem Ju-Jutsuka, indem er in der Umkleidekabine seine „Alltagskleidung“ ablegt und durch den Gi ersetzt. Der unkonzentrierte, unordentliche, unkooperative, aufsässige und aggressive vorpubertäre Junge betritt als sauberer, ordentlicher, ruhiger, lernwilliger und konzentrierter Ju-Jutsuka das Dojo. Sein Anzug ist sauber, der Gürtel korrekt gebunden, Hände und Füße wurden vorher noch einmal gereinigt, seine Zehen und Fingernägel sind geschnitten und die Haare sind evtl. zusammengebunden.

In diesem sauberen und ruhigen Zustand geht er auf die Matte und grüßt mit den anderen Ju-Jutsuka zusammen den Lehrer an. Nach der äußeren Veränderung zum Ju-Jutsuka wird somit das Ritual für die innere Veränderung vollzogen. Der Alltag mit seinen Sorgen und Problemen bleibt außen vor, es wird sich ganz auf das Training konzentriert. Innere und äußere Unruhe und Orientierungslosigkeit des Heranwachsenden, welche symptomatisch für die vorpubertäre Phase ist, weichen. Der Ju-Jutsuka befindet sich innerlich und äußerlich in Harmonie und Sicherheit. Er ist Bestandteil des Trainings und darf mit dem rituellen Angrüßen des Trainings am universellen Wissen des Budos teilhaben.

Erwähnenswert sind auch die Partnerübungen im Ju-Jutsu, die ebenfalls im Rahmen eins Rituals vollzogen werden: beide Partner verbeugen sich voreinander. Die Tragweite dieses Rituals wird erst mit dem genauen Blick auf die Partnerübungen bewusst: dabei kommt es zu teilweise sehr intensiven, körperlichen Kontakten. Der Ju-Jutsuka kann sich dem Körper des anderen nicht entziehen, beide erleben sich praktisch hautnahe. Sie erleben den Partner, spüren seinen Atem, registrieren z.T. seinen Herzschlag, fühlen evtl. seine Aufregung und riechen seine verschwitzte Haut. Beide Partner nehmen sich über viele Sinne wahr. Genau diese körperliche Nähe ist es, die beiden Partnern ein wichtiges Erfahrungspotential eröffnet. Erst dadurch nimmt jeder der Partner auch die körperlichen Reaktionen und Emotionen, wie Schmerz, Angst und Wut des jeweils anderen mit vielen Sinnen wahr. So spürt ein Partner die Anspannung des anderen und erahnt vielleicht seine Absicht (Antizipation). Ebenfalls leidet ein Partner mit dem Anderen, wenn dieser nach einem Wurf schlecht gefallen ist. Ein derartiges körperliches In-Kontakt-sein benötigt keine Worte.

Das Ritual, sich vor einer derartigen körperlichen Begegnung zu verbeugen, beinhaltet also den „Deal“, physische und psychische Verantwortung für den Partner zu übernehmen. Nach dem schon erwähnten „Tit for Tat Prinzip“ steht die Unversehrtheit des Partners im Vordergrund. Es gibt keine Grenzüberschreitungen, die Partner lernen voneinander füreinander. Sie können ihre Kräfte nur miteinander gegeneinander ausprobieren. Eine derartig kontrollierte Reibungsfläche, an denen sich Vorpubertäre mit ihrer Aggressivität, ihrem Bewegungsdrang und ihrer Offenheit für Wettkämpfe ausprobieren können, ist das ideale Übungsfeld zur Reifung eines ausgewogenen Selbstwertgefühls und eines gesunden Selbstbewusstseins.

Als Orientierungshilfe können Rituale im Ju-Jutsu für Jungen in der Vorpubertät einen wichtigen Dienst erweisen. Sie haben die Möglichkeit, aus dem Nichts Verlässlichkeit, Zuversicht, Zusammengehörigkeitsgefühl und sogar Trost zu schöpfen. Die Rituale können von außen und von innen erfasst werden, sie sind greifbar, erfahrbar, einfach und effektiv. Sie schaffen einen klaren Rahmen, der das Training strukturiert und allen Beteiligten Sicherheit bietet. Sie lenken das Zusammen(er)leben unmerklich aber bestimmend. Durch all diese Eigenschaften bilden Rituale ein Geländer, an dem sich jeder anlehnen kann und darf.

Dennoch möchte ich zum Schluss eine Einschränkung machen: die Realisierung dieser Intentionen ist im Höchstmaß von den menschlichen und pädagogischen Qualitäten des Ju-Jutsu Lehrers abhängig. Sämtliche Rituale müssen unbedingt authentisch wirken und von dem Lehrer vorgelebt werden. Heranwachsende sind vorsichtige und skeptische Beobachter der Erwachsenen. „Vor allem in der Arbeit mit Jungen geht es darum, einfühlend zu sein, im Unterricht ihre Gefühle zu erfragen und Hilfen zur Versprachlichung anzubieten. Es muss um die Ansprache von Ängsten und von Verletzlichkeit, von Geltungsbedürfnis und von negativen Gefühlen wie Wut und Hass gehen. Dies gelingt nur in einem Schutzraum (Dojo), in dem jeder sicher sein kann, dass er nicht verunglimpft, lächerlich gemacht oder gar gemobbt wird. Neue Verhaltensstrategien zu erproben bedarf eines geschützten Erfahrungsraumes.“ Dafür muss der Ju-Jutsu Lehrer einstehen.

Mit den Ritualen im Ju-Jutsu haben die Jungen die Möglichkeit, ihre physische und psychische Entwicklung für sich erfahrbar und messbar zu machen. Eine Selbstinitiation ist jedem auch im Ju-Jutsu möglich. Jeder kann seinen "thrill" bekommen, seine Fähigkeiten ausbauen und seinen Körper an dem Prozess der Entwicklung von einem Jungen zu einem Mann teilhaben lassen.

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