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Jeder Tag eines jeden Menschen spielt sich in ritualisierter Form ab. Das Aufstehen: der eine springt sofort aus dem Bett ein anderer bleibt auf Grund seiner „fünf Minuten Aufwachphase“ noch liegen. Das Frühstück: gemütlich mit Ei, Kaffee und nebenher Zeitung lesen oder doch zuerst die Zigarette und nur einen „Pott“ Kaffee? Jeden Tag weisen wir jedem dieser kleinen Alltäglichkeiten seinen besonderen Platz zu und registrieren mit Unbehagen, wenn eines von ihnen – aus welchem Grund auch immer – zum Provisorium wird. Aber auch Feste und Feiern, wie z.B. Schützenfeste, Geburtstage oder Hochzeiten, haben ihre ritualisierten Abläufe und Strukturen. Gerade diese machen solche gesellschaftlichen Ereignisse so interessant, begehrenswert aber auch kalkulierbar. J. Zirfas folgert in seinem Buch „Von Zauber der Rituale“:

…sie [die Rituale] bilden den sozialen Rahmen für Einheit, Zusammenhalt, Intimität, Gemeinschaftlichkeit, Solidarität und Integration. Sie dienen der Orientierung und der Identitätsbildung ebenso wie der Verhaltens- und Traditionssicherung.“ Dennoch warnt er gleichfalls vor dem anderen Gesicht der Rituale:“…die Stabilität kann in Zwang umschlagen, die soziale Einheit zur Diktatur mutieren, die Orientierung und Identitätsbildung zur Festlegung führen, die Verhaltens- und Traditionssicherung zum sinnentleerten Mechanismus werden.

J. Zirfas in Vom Zauber der Rituale

Rituale - ganz allgemein - sind der Versuch, sich nicht im Chaos von Verzweiflung und Ohnmacht zu verlieren. Sie haben eine Botschaft, die direkt auf die Menschen wirkt, ohne Worte und lange Erklärungen. Sie geben dem, was wir empfinden, eine Form: Angst vor dem Ungewissen, Sehnsucht nach Gemeinschaft, Freude am Geborenwerden, am Aufbruch. Vor allem die Übergangszeiten wurden und werden durch Rituale aus dem alltäglichen Ablauf herausgehoben. Solche Übergangszeiten sind z.B. Geburt, Schulbeginn, Eintritt in die Pubertät, Hochzeit und Tod. Nirgendwo wird der Mangel an Ritualen allerdings so deutlich, wie bei den Übergangskrisen des Lebens. Sie sind die Muster, die das Leben einer Gesellschaft in ihrer Tiefe bestimmen, und sie sind die sicherste Möglichkeit, den Übertritt in neue Sphären des Lebens zu ermöglichen.

Definition

Im Folgenden möchte ich auf den Begriff „Rituale“ näher eingehen. Dabei bediene ich mich einer Definition, die ich dem beeindruckenden Erfahrungsbericht „Rituale in der Grundschule“ von Ameli Winkler entnommen habe:

Rituale sind erfundene Wirklichkeiten. Sie schöpfen – wenn sie nicht reglementieren oder schematisieren – aus dem Nichts Verlässlichkeit, Zuversicht, Zusammengehörigkeitsgefühl und sogar Trost. Sie sind wie ein Geländer, das der (kindlichen) Seele Halt geben kann.

Ameli Winkler in Rituale in der Grundschule

In dieser Definition fasst die Autorin nicht nur ihre Erfahrungen mit dem Einsatz von Ritualen zusammen, sondern schließt den lebendigen Kern der Rituale in eindrucksvoller Weise in die Kultur des Zusammenlebens mit Kindern ein. Dazu ein Beispiel: Eines der Rituale, welches von Winkler beschrieben wird, handelt von dem so genannten „Anti-Streit-Pulver“. Dieses „imaginäre“ Pulver befindet sich in einer Tüte in der Nähe der Tür des Klassenzimmers. Wenn sich ein Kind als streitlustig empfindet, kann es beim Gang in die Pause in die Tüte greifen und sich mit einer selbst verordneten Dosis des Pulvers berieseln. Die Kinder akzeptierten dabei die Anwesenheit zweierlei Realitäten: „In der Tüte ist ‚nichts’ – und doch hilft es mir!“ Winkler konstatiert daher: „Diese Fähigkeit, sich das Heilmittel bei ‚Gefährdung’ (z.B. Streitlust) selbst zu verordnen und sich anschließend die richtige Menge zuzuteilen, ist doch jedem blutarmen Appell himmelhoch überlegen.“

Dieser vitale Kern von Ritualen wird ebenfalls bei dem Vergleich der obigen Definition mit einem weiteren Zitat von Winkler belegt:

Das Ritual mit dem Anti-Streit-Pulver nimmt all das auf: es knüpft an die Fähigkeit der Kinder an, mehr als die nüchterne Wirklichkeit zu (er-)leben. Es drängt sich nicht auf, es wartet, bis sich die Kinder selbst bedienen und verliert doch nicht seine Verlässlichkeit. Es ermöglicht jedem einzelnen Kind, sich allein zu bedienen, und vermittelt trotzdem ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Was muss es für ein Kind bedeuten, jemanden in die Tüte greifen zu sehen!

Ameli Winkler in Rituale in der Grundschule

Übergangsrituale in Stammesgesellschaften

In diesem Abschnitt möchte ich am Beispiel der Ureinwohner Australiens, den Aborigines, den eigentlichen Wert der Übergangsrituale verdeutlichen. Dort leben die Frauen und Männer in getrennten Teilen eines Dorfes, wobei die kleinen Jungen zunächst bei den Frauen wohnen. Schon von klein auf werden den Jungen Geschichten von den Göttern erzählt, die für das Überleben des Stammes sorgen. Die Mütter erzählen den Jungen, dass die Götter ein Opfer verlangen werden, wenn der Junge zum Mann wird. Die Götter würden daher das Fleisch der Jungen essen, wenn die Übergangszeit käme. Was bliebe, wäre das Skelett, aus dem kurz darauf ein Mann geboren würde.Zum Zeitpunkt des Übergangsrituals werden die Jungen von den Männern in die Wildnis getragen, begleitet von dem Wehgeschrei der Mütter, die wissen, dass ihr Kind für immer das Heim verlassen hat. Angekommen an einen besonderen Kultplatz werden die Jungen von den Männern aufgefordert, ihre eigenen Gräber zu schaufeln. Die Männer verlassen bei Einbruch der Dämmerung die Jungen mit der Erklärung, dass bald die Götter mit einem Geheul kommen würden, um sich von dem Fleisch der Jungen zu ernähren. Die Jungen legen sich daraufhin in ihre Gräber und verharren dort in ängstlicher Erwartung. Die Männer bilden derweil einen großen Kreis um die Gräber der Jungen, erzeugen mit ihren Bambus- und Elfenbeinrohren ein fürchterliches Geheul und ziehen ihren Kreis immer enger zusammen. Erst wenn die Männer fast an den Gräbern angelangt sind, entfacht einer von ihnen in der Mitte des Kreises ein Feuer. Die Jungen erkennen die Männer, die sie aus den Gräbern in das Licht des Feuers ziehen und ihnen nun die Wahrheit mitteilen. Sie erzählen den Jungen, dass sie zwar von den Göttern geschaffen wurden, es aber keine Götter gäbe, die den Stamm versorgen – das wäre die Aufgabe der Männer.

Dadurch, dass die Jungen in die Wahrheit des Stammes eingeweiht wurden, gehören sie nun zu den Erwachsenen. Von den Männern lernen sie Fischen und Jagen und jene Aufgaben zu erfüllen, die sie als Männer in ihrer Gesellschaft zu erfüllen haben. Danach ziehen sie mit neuen, schönen Kleidern in einer großen Zeremonie als Erwachsene in das Dorf ein. Dort werden sie von den Frauen begrüßt und ein großes Fest beendet dieses Ritual.

Das Übergangritual der Aborigines erscheint auf den ersten Blick bizarr und fremdartig. Der Umgang mit dem Nachwuchs könnte leicht als fahrlässig und schädlich für die kindlichen Seelen verstanden werden, das Herausreißen der Jungen aus dem Mutterschoss als unbarmherzig und grausam. Um den Sinn und den Wert dieses Rituals verstehen und einordnen zu können, möchte ich kurz die Hintergründe und Lebensumstände der Jungen skizzieren.

Zunächst leben die Jungen bei ihrer Mutter in Geborgenheit. Dort wachsen sie mit den Geschichten der Götter auf. Die Übergangszeit gehört für sie von klein auf zum Bestandteil einer zu erwartenden, unweigerlichen Veränderung ihres Daseins. Sie wachsen mit der Gewissheit auf, dass ihnen ihr kindliches Fleisch in naher Zukunft entrissen wird und sie nur so aus ihren Überresten als Mann neu geboren werden können. Ist die Zeit gekommen, sind sie zwar ängstlich, aber bereit und motiviert. Sie wissen, was sie erwartet, schaufeln ihre eigenen Gräber und legen sich dort hinein.

Dies symbolisiert den Tod des Lebewesens, das einst Kind war. Ein kleiner Junge legte sich ängstlich in das Grab, ein stolzer Mann entsteigt ihm und wird als ebenbürtiges Mitglied von seinen Stammesgenossen zum Licht geführt. Dies symbolisiert die Teilhabe des neuen Mannes an dem universellen Wissen des Lebens. Das Ritual ist eine erfundene Wirklichkeit. Es schöpft aus dem Nichts Verlässlichkeit, es schafft Zuversicht, und das Gefühl, dazuzugehören. Es begleitet die Jungen und sorgt für den Halt der – zunächst – kindlichen Seele.

Stammesgesellschaften

Auch andere Stammesgesellschaften praktizieren rituelle Handlungen: „Durch das Ausreißen von Zähnen und das Amputieren von Fingern, durch Beschneidung, Schröpfschnitte und Tätowierungen werden dem Initianden die Stammeszeichen körperlich eingeschrieben. Der Körper wird zum Gedächtnis der Initiation, des Kulturellen und Religiösen.“ Erst durch die Existenz solcher Übergangsrituale besteht die Möglichkeit für alle Beteiligten, sich jeweils auf ihre Art von der kindlichen Existenz eines Lebewesens zu verabschieden. Damit hört die Kindheit auf zu existieren, sie stirbt und wird endgültig begraben. Erst durch den Tod der Kindheit kann ein neues Leben entstehen und damit ein vollwertiger Mensch. „Das Unwesentliche stirbt zugunsten des Eigentlichen.“

Wozu Rituale in der Pubertät?

Hermann Hesses Gedicht „Stufen“ beinhaltet an zwei Stellen Anregungen für den Umgang mit Lebenskrisen. Die letzte Zeile mit dem Appell „Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!“ spricht die Notwendigkeit des Loslassens von vertrauten und bewährten Verhaltensmustern an, wenn eine neue Lebensphase beginnt. Im oft zitierten Satz „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben“ ist die therapeutische Kraft des Anfangszaubers angesprochen, der mit entsprechenden Ritualen unterstützt werden kann.

Jeder Übergang, von einem in ein anderes Stadium des Lebens, besteht aus der gleichen Energie und dem gleichen Zauber der Erneuerung. Ein Übergangsritual symbolisiert diese Metamorphose und macht den Wandel am eigenen Leib spürbar und erfahrbar. Es verbindet all jene Veränderungen, die wir in unserem Lebensprozess durchlaufen, mit den globalen Gesetzmäßigkeiten, wie z.B. mit der Tatsache, dass die Schlange ihre Haut abstreift, ein Tag der Nacht weicht und sich eine Raupe in einen Schmetterling verwandelt.

Zirfas fasst daher folgendermaßen zusammen: „Übergänge müssen rituell gestaltet werden, um zu wissen, was alt und was neu ist. Sonst hat man das Gefühl, immer noch in der Vergangenheit zu leben, und die Zukunft kann nicht beginnen.“ Kurz darauf nimmt er Bezug auf Stammesgesellschaften und komplettiert damit auch den vorherigen Abschnitt: „Daher kommen Initianden in den Wald oder den Dschungel, an den Rand der Zivilisation, in ein jenseits, eine Anders- oder Unterwelt, dort oftmals in Initiationshütten, die den Mutterschoß symbolisieren oder in Gräber, die den Symbolismus des Todes verdeutlichen.“

Auch in unserer Gesellschaft gelten die gleichen Regeln, auch hier möchten Jungen Männer werden. Leider können wir auf nur wenige Übergangsrituale zurückgreifen, die wir unseren Jungen anbieten können. Konfirmation, Kommunion und Jugendweihe sind solche Rituale, die noch Merkmale traditioneller Riten aufweisen, wie „…den Ausschluss der Nichteingeweihten, die Feier, Einkleidungen und Waschungen, die Verleihung eines (neuen) Namens.“ Ob diese Rituale allerdings eine adäquate Vorbereitung auf die einzigartigen und substantiellen Veränderungen der Jungen darstellen, ist sicherlich diskussionsbedürftig.

Häufig werden Jungen sachlich-funktionell in die Inhalte des Prozesses der physischen Veränderung von den Eltern, der Schule oder von Freunden eingeweiht. Als eine gewinnbringende Erkenntnis im Bezug auf die tatsächlich anstehenden, gewaltigen physischen und psychischen Komponenten, kann man diesen Prozess allerdings nicht bezeichnen. Häufig „verschlafen“ die Jungen daher den Beginn ihrer eigenen Pubertät und erwachen desorientiert mit ihrem ersten Samenerguss, dem Stimmbruch, dem Wachsen von Schamhaaren und mit einer psychischen Instabilität. Niemand hat sie darauf vorbereitet, dennoch müssen sie damit leben lernen.

In diesem Zusammenhang vertritt Zirfas eine äußerst interessante Theorie:

Folgt man der These, dass die Übergangsrituale ihre Funktionalität in der Moderne eingebüßt haben, dann bedeutet das schließlich, dass wir nicht mehr erwachsen werden können, weil uns die ausbleibenden Übergangsrituale im kindlichen Stadium festhalten. So simpel es klingt, so ernüchternd ist die Wahrheit: ohne dass sich das kindliche Wesen in sein Grab legt und dort sein kindliches Fleisch verliert, ist die Metamorphose nicht möglich. Daher konstatiert Zirfas: „So wohnen wir wie die Kinder immer noch bei unseren Eltern, und bekommen von diesen immer noch unser Taschengeld. Wir heiraten immer später, absolvieren wie die Kinder immer noch unsere Ausbildung und fühlen uns auch mit Mitte vierzig immer noch nicht reif.

J. Zirfas in Vom Zauber der Rituale

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